Die vielen Facetten
Ich langweile mich. Es ist natürlich nicht so, dass mich mein Arbeitsalltag nicht ausreichend auf Trab hält, meistens jedenfalls, aber ich habe in letzter Zeit immer stärker das Gefühl, dass mein Geist nicht ausreichend gefordert wird. Mir fehlt es, etwas zu kreieren, zu schaffen und mich auf etwas voll und ganz zu konzentrieren. Mich intensiv mit etwas auseinanderzusetzen, zu recherchieren, Gedanken zu strukturieren und sie weiterentwickeln. Auch wenn ich von der Ferne betrachtet auch in meiner Arbeit etwas kreiere und bis zu einem gewissen Grad kreativ sein kann, aber im Grunde genommen erfinde ich das Rad nicht neu. Ich entwickle vielleicht manchmal vorhandene Konzepte weiter und kann hier vielleicht bis zu einem gewissen Grad ein wenig von meinen Ideen einbringen, aber seien wir ehrlich: In den meisten Fällen bewege ich mich auf abgegrastem Terrain.
Ich war schon immer sehr vielseitig interessiert, wollte alles ausprobieren, alles mal gesehen haben und natürlich in allem gut sein. Als Kind wollte ich Primaballerina werden, dann Musicalstar, dann Turnierreiterin, dann Schauspielerin, zwischenzeitlich auch Modedesignerin und Innenarchitektin. Um ehrlich zu sein, hegte ich manche dieser Träume sogar noch, als ich schon längst an der Wirtschaftsuniversität studierte.
Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Es wäre gelogen zu behaupten, ich hätte sie nicht manchmal hinterfragt. Mich gefragt, ob ich tatsächlich nach meinem inneren Kompass dieses Studium gewählt hatte oder einfach einen sicheren, vorgegebenen Weg eingeschlagen hatte. Natürlich sollte ich später herausfinden, dass auch ein Wirtschaftsstudium auch keine „g’mahte Wiesn“ ist, wie man so schön sagt, aber im Endeffekt habe ich meine Studienzeit sehr genossen, habe die sich mir bietenden Möglichkeiten genutzt, habe viele wertvolle Erfahrungen gesammelt und teilweise mich auch mit einer gewissen Begeisterung vielen Fächern gewidmet. Aber ich habe auch gelernt, dass das alleine nicht ausreicht, dass ich im Grunde meines Herzens die Kreativität und die Entfaltung brauche. Ich brauche auch eine Welt abseits von Struktur, Analytik, Zahlen und Erfolgsorientierung. Eine Welt in der tatsächlich der Weg das Ziel ist.
Ohne es bewusst wahrzunehmen, war bis zu einem gewissen Grad der Journalismus neben meinem Studium mein Ausgleich. Danach gab es eine Zeit, in der meine ganze Energie in meine Karriereplanung ging - eine aufreibende und sehr energieraubende Zeit, in der ich mich im Nachhinein betrachtet mehr von meinem wahren ich entfernt habe, als je zuvor in meinem Leben.
Kürzlich spürte ich sie jedoch wieder: diese Sehnsucht nach kreativer Entfaltung, danach etwas zu erschaffen, das einen Teil von mir in sich trägt. Daher freue ich mich umso mehr auf meinen Fotografie-Kurs, der nächste Woche beginnt.
Der Masterplan
Ein Artikel im aktuellen NEON hat mich heute den ganzen Tag beschäftigt: Es ging darum, ob es besser ist, sich im Leben einfach treiben zu lassen oder einen konkreten Plan zu machen und diesen dann durchzuziehen.
Der von den Verfassern interviewte Experte zu dem Thema (ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern) meinte, dass jeder Mensch so was wie ein inneres Drehbuch hat, dass eigentlich mehr oder weniger bereits in der Kindheit entsteht und dem man sich kaum entziehen kann. Vor allem kann man das, was man mag und einem liegt nicht selbst bestimmen oder verändern. Das ist so, als würde man versuchen, sich einzureden, man liebt Tofu, obwohl man eigentlich eine Schwäche für Schokotorte hat*. Oft probiert, aber funktioniert nun einmal nicht, das kann ich aus eigener Erfahrung definitiv bestätigen.
Auf jeden Fall braucht jeder Mensch Pläne, aber auch Phasen in denen er sich treiben lässt, um sich seiner Wünsche und Ziele bewusst zu werden, da man sonst in Gefahr läuft, in blinden Aktionismus zu verfallen.
Aber genau das ist der springende Punkt: woher weiß ich, ob ich auf dem richtigen Weg bin oder einfach nur zwanghaft irgendwohin laufe? Wer sagt einem denn bitteschön, wann es an der Zeit ist, seine Pläne zu überdenken, wo es doch auch zahlreiche Stimmen gibt, die behaupten Hindernisse sind dazu da, sie zu überwinden und man soll sich doch von seinem Weg nicht so schnell abbringen lassen sondern auf sein Ziel hinarbeiten, auch wenn der Weg steinig ist? Solange ich denken kann, hatte ich immer sowas wie einen Masterplan. Ok, der hat sich zwar (und tut es noch immer) in regelmäßigen Abständen – manchmal sogar von einem Tag auf den anderen – geändert, aber zumindest war da immer so etwas wie eine Richtung. Andererseits, schwierige Zeiten erfordern drastische Maßnahmen: Vielleicht sollte ich das ja zur Abwechslung einmal ausprobieren: einfach zurücklehnen und treiben lassen …
* Beispiel von der Verfasserin geändert, aber das Prinzip ist das Gleiche.
